Winter in Maximicha II
23.-26.12.

Abwechselnd hacken Alex und Carsten Holz. Ich habe mich mit der Axt noch nicht angefreundet, habe das aber unbedingt noch vor. Ich sitze im Wohnzimmer und nähe den ersten Saum der Vorhänge. Ira hatte in Ulan-Ude noch beigen recht einfachen Stoff gefunden, den ich nun per Hand aber doch sehr grobstichig einfasse. Alex macht sich unterdessen an einen Dämmvorhang für die Wohnungstür. Schneider wäre nicht unser Traumberuf gewesen - niemals.

Ein Schneesturm zieht über Maximicha. Alex und ich quietschen vor Vergnügen. Schneesturm. Eigentlich müssten wir Nähzeug, Nähzeug sein lassen und uns in das endlose Weiß stürzen. Ich muss mich eh noch in der weißen Pracht wälzen. Warm eingepackt mit einer Säge bewaffnet stapfen wir in den Wald. Einen Weihnachtsbaum brauchen wir ja schließlich sowieso noch und heute ist der 23.12., also höchste Zeit.

Der Sturm ist eher böig. Wir kommen also gut vom Fleck. Die Straße, die von der Hauptstraße aus landeinwärts abzweigt, führt zu einer Art Farm, es gibt ein paar Spuren im Schnee, aber irgendwie scheint sie jetzt im Winter doch nicht bewirtschaftet zu sein. Unsere Augen suchen den Horizont nach einem Bäumchen ab. Eine winzige Schonung wird unser Ziel, wir verlassen den Fahrweg und schon nach wenigen Schritten stecke ich bis zur Hüfte im Schnee und lasse mich erst mal vor Lachen auf den Bauch fallen, drehe mich um, Sanka und Lilli klettern über mich drüber. Alex schafft es aber kaum, mich zu fotografieren, da sie selbst auch schon festsitzt. Auf allen Vieren balgen wir mit den Hunden durch den Schnee. Wann habe ich das letzte Mal so im Schnee gebadet? Ich kann mich kaum erinnern.

Ein Bäumchen ist auch schnell ausgemacht. Ich setze die Säge an und irgendwie fällt mir gerade noch ein, dass Alex ja vielleicht auch noch sägen hätte wollen. Wir tauschen und noch ehe ich den Auslöser finde, ist der Baum auch schon gefallen. Wir schätzen, dass er eigentlich schon gut zwei Meter hoch ist und wir jetzt wahrscheinlich nur die Spitze erwischt haben. Immerhin steckt er ja in einer gewaltigen Schneewehe.

Zu Hause prasselt der Ofen bereits und wir verlustieren uns wieder an heißem Tee und Plätzchen. Weihnachten naht und Carsten wird unruhig. Er hat das Weihnachtsgeschenk für Alex vergessen. Später wird Alex mir erzählen, dass er das immer vergisst und dass er immer improvisiert und dass es sie heute aber nicht mehr stört. Carsten dichtet ein Weihnachtsgeschenk-Vergess-Gedicht. Und am 24. nimmt Carsten den Kampf mit dem Schnee auf. Ein Iglu für Alex muss her. Der Schnee ist aber noch nicht genug gefroren und es wird nur eine "Sneg-Bar". Carsten ist geknickt, aber mein Lichtschlauch macht aus dem Bauwerk schließlich doch ein gemütliches Eckchen im Garten.

Nebenbei befassen sich Alex und ich mit der Gans, Rotkohl putzen, Kartoffeln für die Klöße... Carsten hat uns einen Holzklotz auseinandergehackt, in den ich nun den Baum stecke. Mit ein paar Leistchen hält er dann auch und ich drapiere noch eine der unzähligen Gardienen um den Stamm. Die Lichterkette ist aufgehängt und ein paar Wattepads stellen Schneeflocken dar. Alex bastelt Holzsternchen und wir sind beglückt von unserem kleinen Wunderwerk. Nebenbei findet noch immer etwas Heimlichtuerei statt. Die Geschenke...

Ich kann mich überhaupt nicht erinnern, wann ich das letzte Mal mit einer solchen Ernsthaftigkeit Weihnachten zelebriert habe. Es ist ja irgendwie alles da. Sogar Stollen und Lebkuchen hatte ich rechtzeitig gebacken. Ich denke mal wieder darüber nach, ob ich nicht in Russland bin, weil ich hier eher deutsch sein kann, als in Deutschland, wo mich diese Tümelei nur ankekst.

Vera, die bei uns noch die Banja mitnutzt, hält sich irgendwie sehr zurück. Komisch. Samstag ist Waschtag. Ich wundere mich überdies, weil wir ja eigentlich doch noch so manches in Sachen Häuserdokumente zu bereden hätten, ich sie aber kaum zu Gesicht bekomme. Gegen fünf mache ich mich mal über den Hof. "Doch, doch" natürlich wollten sie in die Banja, aber bei uns sei doch heute Weihnachten und da habe sie gedacht, sie dürfe uns nicht stören. Ich erkläre ihr, dass Heilig Abend kein so hoher Feiertag sei und dass wir selber ja auch noch in die Banja wollten, schließlich ist doch Samstag. Eine halbe Stunde später kommt auch das kleine Mädchen mit der Milch. Offenbar hatte Vera alle vorgewarnt, uns keinesfalls an Weihnachten zu stören.

Während wir in der Banja schwitzen, darf die Gans selbiges im Ofen. Lavendel- und Apfelsinenduft erfüllt die Banja und wir stürzen uns wohlig in den Schnee. Ei, wie das schön prickelt. Es ist immer wieder schön, auch wenn mir unablässig Gedanken durch den Kopf gehen, wie ich was umbauen könnte. Der Boden muss sowieso raus, also könnte man auch noch eine weitere Wand einziehen, damit der Raum heißer wird. Eine gleichmäßig warme Liegefläche für drei ist auch dringend nötig. Aber fürs erste ist es trotzdem genial.

Die Gans braucht noch ein bisschen - also erst die Bescherung. Die Hundchen bekommen je einen riesigen Kauknochen. Ich komme natürlich mal wieder nicht auf die Idee, dass sich mein Geschenk irgendwie in einem Stapel Holz verstecken könnte. Ein Anflug von Enttäuschung, hatte ich mir doch wirklich ein bisschen Mühe mit einer kleinen Spezial-Reise-Ausgabe meines Baikal-Foto-Kalenders gegeben. "Da ist auch noch was drin.", fordert mich Alex zum Auspacken auf. Ein gerahmtes Foto von uns allen bei unserem allerersten Besuch in Maximicha. Jetzt ist wirklich alles gut. Carsten hat inzwischen Alex sein Gedicht vorgetragen und sie fast zu Tränen gerührt. Carsten begutachtet das Döschen roten Kaviar, der eigentlich wohl für Alex Vater zum 60. bestimmt war, aber per Post nicht verschickt werden darf.

Die Gans. Leider ist das Gänseküken offenbar noch viel zu klein gewesen, um gegessen zu werden, es hat außer Sehnen fast kein Fleisch auf den Rippen. Das Weihnachtsmenü besteht also hauptsächlich aus Rotkohl, zerfallenen Klößen und Gänsefülle. Für die Eisbombe mit Obstsalat bleibt in unseren Bäuchen trotzdem kein Platz und wir verschieben den Nachtisch auf den ersten Feiertag.

Nach einem kurzen Besuch in der "Sneg-Bar" fallen wir müde in unsere Betten. Lilli ist die Nacht über so lieb, wie überhaupt noch nie. Sie ist wohl einfach nur froh, dass sie nicht noch mal in die Kälte muss.

Der Morgen bringt einen Berg von Abwasch mit sich. Nebenbei schlürfe ich meinen Kaffee und ich staune, dass es doch schon auf zehn zugeht, als Alex und Carsten aufwachen. Die Brezeln warten aufs Backen. Echte Laugenbrezeln. Ich bin glücklich und freue mich irrsinnig. Nicht dass ich nicht ohne Brezeln leben könnte, aber manchmal..... Und so bin ich wieder ein bisschen autarker von diesem Deutschland. Wir überlegen, ob wir die von mir mitgebrachten Weißwürste gleich dazu wollen, oder ob wir sie für den zweiten Weihnachtsmorgen aufheben. Da keinem von uns nach Bier ist, gibt es die Brezeln mit Butter und ... Nutella. Carsten verdreht die Augen, aber Alex und ich schwören auf diese Kombination.

Am frühen Nachmittag machen wir uns auf den Weg zu Tamara Leonidovna. -20 Grad hatte das Thermometer morgens, mit langen Unterhosen unter den Jeans (stadtfein) wandern wir ans andere Dorfende. Ich entsinne mich spontan und erkenne das Häuschen von vor 10 Jahren wieder. Es ist jene Lehrerin, die Jörg und mich seinerzeit aufgesammelt hat. Schön - doch leider. Sie ist nicht zu Hause, ihr Mann erzählt uns aber in groben Zügen, dass sie sechs Jahre in der DDR, in Stendal gelebt haben und dass Tamara gerade in Ulan-Ude ist, um ihre Rente zu empfangen. Unser Plätzchen-Tütchen lassen wir da, tauschen die Telefonnummern aus und wandern durch die strahlende Sonne wieder nach Hause. Holzhacken, Wasser holen, Ofen heizen. Das Thermometer fällt.

Es rumpelt. Sanka bellt. Die Tür geht auf, ein junger Burjate steht in der Tür, Sanka kommt von der Veranda wieder, hat was im Maul. Eine Wurzel? Hat die der junge Mann mitgebracht? Ich fange an zu prusten, noch bevor der Mann sagen konnte, was er will. Ich deute auf Sanka und auch Alex und Carsten fangen an zu lachen. Sanka hat das Gänsegerippe geklaut. Ich entschuldige mich lachend bei dem Mann und frage, was er möchte. Sein Kumpel, also der hat Geburtstag. Und wir hätten doch das Eishaus da, mit der Girlande. Und na ja, sie hätten eben gedacht. Ich ahne: Sie wollen, die Girlande leihen. Fotografirowatsja. Ach, ihr wollt euch in unserer Schneebar fotografieren. Klar. Kein Problem. Carsten springt in die Stiefel und setzt die Illumination in Gang. Alle sind glücklich. So ein schönes Geburtstagsbild.
Bald darauf rumpelt es wieder. Es ist bestimmt schon acht. Wer mag das sein. Die Tür geht auf und zwei angetrunkene Männer torkeln herein. Da es draußen kalt ist, muss man sie wirklich reinlassen, auf keinen Fall die Tür offen stehen lassen. Jeder Luftzug - ein Scheit Holz. "Dürfen wir reinkommen?" Moment, wer seid ihr überhaupt? Andrej und Vitja. Vitja wohnt "durch die Wand" in der zweiten Hälfte meines Hauses. Carsten und ich saßen gerade um den Ofen mit den Laptops. Kann ich die zwei wieder zur Tür hinauskomplimentieren? Alex klappt die Laptops ein, steckt sie in die Backröhre, hängt ein Tuch davor. Man muss den Leuten ja nicht noch lange Zähne machen, vor lauter Technik. "Dürfen wir nicht reinkommen?" Ich sage, dass wir eigentlich mit Betrunkenen nicht so viel am Hut haben, aber irgendwie harren die beiden aus. Zu guter Letzt fällt mir ein, dass heute Weihnachten ist und es uns darum nicht angenehm sei, sie zu empfangen. Das zieht und die beiden machen auf dem Absatz kehrt. Nur über den mitgebrachten Hund besteht Uneinigkeit - unserer oder ihrer.
Für Alex und Carsten war das nicht die erste solche Begegnung. Gleich am zweiten Abend ihrer Ankunft haben sie Vera zu Hilfe geholt, um einen Betrunkenen zu vertreiben, bevor er handgreiflich wurde. Und Vera gab dann auch gleich zu verstehen, dass man mit beginnender Dunkelheit das Hoftor verriegelt, damit sei allen klar, man wolle nicht mehr gestört werden.
Also ja nicht wieder vergessen, das Hoftor rechtzeitig zu verrammeln.

Der zweite Weihnachtstag und es hat -25 Grad. Beim Wasserholen gefriert das Spritzwasser so schnell im Eimer, wie man gar nicht gucken kann. Nur ja nicht mit dem Eimer ausrutschen, man würde wohl augenblicklich steif gefrieren. In der Wohnung knistert aber der Ofen bereits und wir schieben gleich zum Weißwurstfrühstück die Brezeln in die Röhre. Die Sonne strahlt, aber so recht mag keiner raus, auch nicht die Hunde. Sind ja eh Weicheier. Für Russen haben Hunde draußen zu sein, Sanka würde aber jämmerlich erfrieren, sie ist das ja nun überhaupt nicht gewöhnt. Lilli hätte es wohl lernen können, aber eine drin, eine draußen, das wäre ja auch irgendwie unfair.
Jeden Gang zum Klo überlegt man sich bei diesen Temperaturen dreimal. Der Vorgang ist eigentlich gar nicht so schlimm, aber sich immer so dick anziehen zu müssen: Mütze, Schal, Jacke, Walenki... Das ist einfach anstrengend.

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