Vor einer dreiviertel Stunde bin ich aufgewacht. Erst die Hunde rauslassen. Dann mir ein paar lange Strümpfe und einen Pullover übergestreift. Die Walenki vom noch warmen Ofen geholt und selbst hinaus durch den Schnee zum Klo. Es ist noch ziemlich dunkel, obwohl es schon fast Acht ist. Auf dem Rückweg habe ich mir den Arm noch voll Holz geschlichtet. Die ersten Scheite knistern schon in dem alten Ofen. Die russische Heiztechnik will unsereinem überhaupt nicht in den Kopf. Ein schön gemauerter Ofen, mit vielen Zügen zur Wärmespeicherung, aber man muss die Luftklappe, solange das Feuer brennt offen lassen, wenn man ihn zu früh zu macht, droht eine Kohlenmonoxid-Erstickung, weil die Abgase dann direkt in die Wohnung gelangen. Man bullert also einen Großteil der Hitze zum Dach hinaus und muss hoffen, dass sich der Ofen selbst dabei so gut erwärmt, dass man dann nach Schließen der Luftklappe für ein paar Stunden die Restwärme nutzen kann. Vor ein paar Jahren hatten dann sogar doch schon mal (im 21. Jahrhundert!) schlaue Geister die Idee, den Ofen zumindest teilweise mit ein paar Fliesen zu bekleben. Freudig erklärte mir Vera bei der ersten Besichtigung, dass dies die Wärme besonders gut speichere. Ach, sage ich, in Deutschland habe man solche Öfen schon vor mehreren hundert Jahren entwickelt und die Kacheln seien auch keine einfachen Küchenfliesen, sondern spezielle Ofenkacheln...
Ich bin wirklich gerne hier in Maximicha und ich genieße die Tage sehr und ich kann mir immer mehr vorstellen, hier noch mal länger als nur ein paar Wochen zu verbringen. Aber so sehr ich dieses Leben hier sehe, so sehr frage ich mich - was haben die Leute gemacht in den letzten hundert Jahren? Sie haben die Kacheln doch nicht deswegen nicht auf den Ofen geklebt, weil sie keine hatten, sondern weil niemand auf die Idee kam, einen Ofen zu bauen, der die Hitze besser speichert. Die Brunnen vor den Häusern frieren nicht ein, auch wir haben eine elektrische Pumpe drin hängen, warum kommt aber niemand auf die Idee, eine Leitung ins Haus zu verlegen? Vera ist als Feldscherin - einem Zwischending von Arzt, Krankenschwester und Sanitäter - eine sehr angesehene Frau im Dorf, aber auch sie führt hier ein Leben wie vor 200 Jahren. Und dann erzählte sie nebenbei, dass der Boden hier kaum einen Meter tief friert, weil es ja nie so lange so irre kalt ist. Einzig die Satellitenschüsseln vor den Häusern holen einen aus den längst vergangenen Tagen zurück. Alex und Carsten, die oft in Griechenland waren, weil Carstens Vater dort lebt, schütteln auch immer wieder den Kopf, über den merkwürdigen Einfallsreichtum, den die Russen an den Tag legen. Sind die Griechen auch Meister im Flicken, so hat es dort aber doch einen gewissen Stil, hier wird eben eine alte Gabel so in den Fensterrahmen der Banja geklemmt, dass das Fenster nicht mehr herausfällt.
Wagemutig hat Alex am "3. Weihnachtstag" in der Küche die Tapete von der Wand geholt, weil sie dachte, man könne mit ein bisschen Streichen schnell Gemütlichkeit einkehren lassen. Nun sind wir auf der Suche nach Spachtelmasse, die wir natürlich besser aus Ulan-Ude mitgebracht hätten. Nicht, dass hie und da mal ein überklebtes Nagelloch gewesen wäre, nein, an manchen Stellen klebte die Tapete besser am Putz als jener an der Wand. Es kommt ein Pfusch unter der Tapete hervor, der mich eigentlich gar nicht so sonderlich erstaunt hat, typisch russisch eben. Aber irgendwarum hatte ich es in Ulan-Ude versäumt, die beiden darüber aufzuklären. Ein Topf Farbe, meinten Alex und Carsten, sei eigentlich ausreichend. Vielleicht hatte ich auch gedacht, sie hätten mal unter die Tapete geguckt und es wäre wider Erwarten gar nicht so wild.
Auf der Suche nach Gips, erfuhr Alex, dass der bestellte große Tisch nachmittags fertig werden würde, also machten Carsten und ich uns mit Mascha auf den Weg. Augenblicklich sprang sie an, aber sie steckte fast bis über die Ohren im Schnee und wir mussten reichlich schippen, bis sie sich rausgewühlt hatte. Endlich vorwärts, doch nahm ich dir Kurve aus dem Hof etwas zu groß und prompt steckte ich wieder fest, ein bisschen schaufeln und mit einem Schubs ging es weiter. Die Schippe nehmen wir mit. Man kann nicht durchs Dorf ans andere Ende fahren, sondern muss die "Umgehung" nehmen. Und ausgerechnet in der notwendigen Einfahrt stand ein Holztransporter, ganz langsam also zur nächsten, weniger befahrenen rein und die Böschung runter, alles bestens, doch da kam uns ein kleiner Shiguli von Lada entgegen, der sich zwar brav auf den Rückweg machte, weil ich aus der Steillage kaum mehr hätte den Berg hoch wühlen können - er blieb jedoch so dämlich auf dem Weg stehen, dass ich noch mal durch den Tiefschnee ausweichen musste - offenbar zu zaghaft, jedenfalls blieb Mascha wieder stecken, wieder bis über beide Ohren und diesmal half das beste Schaufeln nichts, sie saß fest. Nach ein paar doofen Bemerkungen der Waldarbeiter ließen die sich dann aber doch grinsend dazu herab uns aus dem Schneehaufen zu ziehen. Ich überließ Carsten das Steuer, noch mal wollte ich nicht Schuld an einer Schneeschlacht sein. Wir holten den Tisch und nahmen Kolja, den Tischler gleich mit, damit er bei mir noch Regale ausmessen konnte.
Es zeigte sich, dass alle bei Alex Nachforschungen gemeint hatten, wir brauchten einen Verputzer und nicht nur den Putz...
Nach drei Tagen Suche, haben wir gestern dann aber doch eine Handvoll Gips ergattert. Die reicht zwar nicht hinten und vorne, lässt aber doch Wunder wirken und so sitzen wir an Silvester dann womöglich doch nicht auf einer Baustelle, sondern in einem wundersam gestrichenen Wohnzimmer. Vera fiel zumindest schon mal aus allen Wolken, was wir denn da machen würden? Technik mit Schwamm, erläuterte ich. Und da kann man verschiedene Farben nehmen? Natürlich. So ganz verschiedene? Ja klar, welche auch immer einem gefallen. Diese Kunde machte wie so vieles sofort die Runde durchs Dorf, diesmal war ich allerdings dabei, als sie jedem, dem wir begegneten, erzählte, wie man in Deutschland die Wände streicht.
Gestern Morgen dann akuter Holznotstand...., kaum ein Scheitchen zum Anfeuern. Also hacken. Ich habe noch nie Holz gehackt, aber wenn die viel kleinere Alex das schafft, dann ich erst recht. Eins, zwei fix, war die erste Ofenladung beisammen. Das macht ja richtig Spaß. Und kaum war der Kaffee getrunken und kaum standen Alex und Carsten mit den Pinseln auf den Hockern, stapfte ich wieder in den Schuppen und tobte mich aus. Und noch ein Klotz und noch einer. Am Ende war nicht nur die Abendration, sondern noch zwei weitere Tagesfüllungen aufgestapelt. Alex grinste später: Das legt sich wieder.
Ich fand es auf jeden Fall sehr beruhigend, dass es doch recht einfach geht und ich auch in Zukunft mir keinen Mann ins Haus holen muss, der mir das Holz zerstückelt.