Winter in Maximicha V
10.-15.1.

Alex und ich gehen einkaufen und wollen uns auf der Post erkundigen, ob und wie man ein Telegramm nach D befördern kann. "Komm lass uns unten am See lang gehen." fordere ich Alex auf. Wir staunen. Denn hinter dem Gartenzaun des Lädchens tun sich Heerscharen an Fischern auf, die sich auf dem Eis tummeln und eifrig Netze spannen. Bald gibt es Fisch.

Ist das nicht der Wahnsinn? Vorgestern noch offen und heute stehen die Leute schon drauf? Alex und ich fragen die, die dem Ufer am nächsten stehen, wie dick das Eis schon ist. "Genug, um einzubrechen." Wir sehen es selbst: fünf Zentimeter, mehr nicht. Der eine der beiden war schon ganz mutig gestern auf dem Eis und ist prompt eingebrochen. Aber da ist das nicht schlimm, weil es so flach ist. Nunja. Das muss ich wohl nicht haben und Alex und ich verlassen vorsichtig die weiße Fläche und gehen einkaufen.

Die Tage ziehen viel zu schnell ins Land. Aber wenn ich nicht die Übersetzung über den burjatischen Buddhismus dabei hätte, an der ich immer wieder arbeite, dann könnte ich kaum sagen, womit sich die Tage eigentlich füllen. Es gibt unablässig etwas zu tun und langweilig wird uns nie.

Heute hat Kolja, der Tischler das Bett gebracht. Das scheußliche alte, das Vera dagelassen hatte, haben wir gleich zerkloppt, viele schöne Winkelchen und ein paar Spanplatten haben wir daraus gewonnen - wer weiß schon, wann und wozu man die noch mal brauchen kann. Lilli kommt jetzt erst mal nicht mehr hoch, dafür hat Sanka es gleich für sich reserviert. Nun liegen Abend für Abend zwei Hocker drauf...
Kolja hat uns für Samstag zu seinem Geburtstag eingeladen. Wir freuen uns, dass er den Kontakt zu uns sucht. Er ist auch noch nicht so lange in Maximicha und nun ist seine Frau auch gekommen. Wir haben sie bisher nur kurz beim Einkaufen gesehen und von ihr einen strengen Eindruck gewonnen. Da hat Kolja sicher nicht viel zu lachen.

Carsten verbringt die Tage mit Köter-Verbarrikadierung. Jeden Morgen stehen bestimmt fünf Sanka-Freier vor der Tür. Das ließe sich ja noch angehen, wenn sie nicht so viele Markierungen setzen würden.... Der schöne weiße Schnee mit diesen grässlichen gelben Flecken. Die Schneeberge am Hoftor werden abgetragen und so manch einer blieb nun gemein am Gartenzaun hängen. Sanka scheint ihre letzte Chance zu sehen, Mutter zu werden. Jeden Morgen denke ich, jetzt müsste es doch endlich vorbei sein, mit der Läufigkeit, aber wieder und wieder streckt sie den Kerlen ihren Hintern entgegen. Erst am Freitag ist endlich Schluss und sie darf wieder ohne Aufsicht in den Garten.

Jeden Morgen denke ich, dass ich überhaupt nicht in die Stadt zurück will. Und doch neigt sich mein Urlaub gewaltig dem Ende zu.

Jeden Tag geht wie immer einer von uns wenigstens den Baikal checken: Wenn es was besonderes gibt, dann strömen wir alle hinterher, bewaffnet mit Fotoapparaten und Stativen. Man hat sich im Dorf inzwischen schon sehr an uns gewöhnt und fragt nicht mehr, was wir da eigentlich fotografieren, aber viele bleiben doch zu einem kleinen Schwätzchen stehen. Und inzwischen wissen sicher alle Dorfbewohner, dass ich diejenige welche bin, die Veras Haus gekauft hat.

Am Samstag bricht Hektik aus. Wir sind bei Kolja eingeladen, aber Samstag ist Banjatag. Zwei solche Termine an einem Tag, das ist zu viel. Wir kommen kaum nach. Schnell noch ein paar Geburtstagsbrezeln für Kolja gebacken, ein Brot brauchen wir auch noch und nun die Entscheidung. Erst in die Banja, dann zu Kolja, aber gnadenlos zu spät. Oder umgekehrt. Können wir uns bei ihm wieder losreißen? Nein, wir sitzen und es ist sehr lustig, für mich aber wieder äußerst anstrengend, weil ich nicht vier Leute gleichzeitig simultan dolmetschen kann. Shenja und seine Frau Sina sind da. Bei Shenja haben wir letztes Neujahr schon Fleisch gekauft und er erkennt mich wieder. Er ist der Sohn eines Schriftstellers, der sowjetische Berühmtheit erlangte. Er und Sina sind zwei Ulknudeln, die sich ununterbrochen versuchen zu übertreffen. Sie reden wie die Wasserfälle und erzählen viele lustige Geschichten, vor allem von Deutschen und Schweizern mit denen sie irgendwann mal irgendwelche Begegnungen am Baikal hatten. Shenja kennt den See wohl auch sehr gut, jedenfalls wird er wohl unser allgemeiner Angellehrer und die warmen Quellen und somit Gefahrenstellen auf dem Eis kennt er auch. Als plötzlich die Nachbarin zu einem Telefongespräch geholt werden muss, werden alle Angelgespräche eingestellt. Shenja hat wohl keinen Angelschein und die Nachbarin ist wahrscheinlich eine Tratschtante.
Alle kramen nach und nach ihr Schuldeutsch hervor. Sehr komisch. Aber ihnen fällt wirklich viel ein.

Koljas Frau entpuppt sich als eine sehr liebe, ohne Pelzmütze und Mantel ist sie richtig sympathisch. Und sie kann sehr schön singen und Kolja bringt sich sein Ständchen auch noch gleich selber. Auf einmal fällt mein Blick in eine Ecke des Häuschens. Da steht auch noch der Weihnachtsbaum. Ich stoße Alex an: Guck mal. Die haben ihren Schmuck auch improvisiert. Alex muss nicht weniger schmunzeln wie ich. Bonbonpapierchen sind an den Spitzen der Zweige aufgespießt.

Ich erinnere an unsere Banja und so machen wir uns gegen 10 auf den Heimweg. Shenja begleitet uns und kommt unterwegs noch mal auf meinen Baikal-Umrundungswunsch zurück. Ich sollte mit einem GAZ66 fahren, wenn mir meine Mascha treu und lieb ist. Der GAZ zieht wie ein Ural, ist aber nicht ganz so schwer zu fahren. Ural, das sind die Monstertrucks. Und ich solle mir nicht zu viel einbilden. Die Strecke ist schwer, auch für ausgewachsene Männer und ich könne doch mit jemandem mal mitfahren, das wäre doch auch nett.
Aber mich kratzt es doch. Ich will von da aus hoch zur BAM.

Zu Hause sehen wir auf dem Thermometer, dass es -30 Grad hat. Die Banja ist fast aus und schon kühl. Carsten heizt aber doch noch mal ein und so gibt es ein Mitternachtsschwitzen. Währenddessen packe ich meinen Kram für Ulan-Ude zusammen. Ich will hier nicht weg.

Gegen 10 werden wir wach. Ich versuche Mascha zu starten, plopp-plopp. Eingefroren. Der Akku bestimmt. Ab damit zum Ofen. Hätten wir nur mal gestern...
Nur gut, dass Vera ausnahmsweise am heiligen Sonntag die Banja heizt, weil der eine Sohn am Montag wieder zur Schule muss und sie am Samstag, dem letzten Weihnachtsfeiertag nicht heizen durfte, sagte die Oma...
Der Akku kommt in die Banja, da ist schön warm. Nur Veras Söhne sind manchmal ein wenig unterbelichtet, als ich wieder gucke, steht der Akku neben der zugigen Eingangstür und nicht im Warmen, er ist noch ordentlich kalt. Die Zeit vergeht, inzwischen ist es schon fast eins. Carsten macht sich mit dem Benzinbrenner bekannt und heizt die Ölwanne etwas vor. Der Akku ist endlich warm und ich baue ihn ein. Nie kamen mir -30 Grad so kalt vor, wie heute. Ich versuche zu starten. Plopp-plopp. Noch mal: Plopp-plopp. Noch mal: Nichts. Mist. Jetzt ist der Akku bestimmt runter.
Also schnell zu Vera, die weiß bestimmt wen und während wir telefonieren, kommt Alex angerannt: Mascha läuft. Ich hatte vor Aufregung und in der Kälte die Kabel am Akku nicht ordentlich festgezogen und sie hatte plötzlich gar keine Masse mehr.

Wir springen ins Auto und los geht es endlich um kurz vor drei. Und die Mascha wird nicht warm. Kühlwasser fehlt. Mist, wir haben nichts mehr. Die Scheiben frieren schneller zu als ich Luft holen kann. Die Sonne steht tief und ich schleiche durch die Landschaft, den Weg mehr ahnend als ihn sehend.
An einer warmen Quelle füllen wir Wasser ein. Genial. Jetzt wird es warm. Na, nicht wirklich. Inzwischen ist es draußen so kalt, dass Mascha mit dem Heizen nicht nachkommt. Ein Guckloch muss reichen. In Chaim halten wir um sechs Uhr, opfern ein paar Münzen, trinken schnell einen heißen Tee und erfahren, es hat -38 Grad.

Wir glauben das gerne. Carsten übernimmt das Steuer und zweieinhalb Stunden später sitzen wir wieder in meiner überheizten Plattenbauwohnung.....

PS: Telefon, Internet und Handy gingen mir in keiner Sekunde ab.

PPS: Für alle, die es noch nicht wissen: Maximicha ist der Ort, vor dem wir die Asche meiner geliebten Mutter Rose in den Baikal sinken ließen.

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